Schenkungsteuer durch zinsloses Darlehen - ist das möglich?

Finanzgericht Münster
Nehmen wir an, Sie kommen ungewollt in einen finanziellen Engpass und benötigen dringend Geld. Ein Bankdarlehen erhalten Sie nicht. Ihr Bruder oder Ihre Schwester springen ein und leihen Ihnen Geld. Da Sie in Not sind, erhalten Sie ein zinsloses Darlehen. Sie glauben, das ist ein komplett privater Vorgang. Der Fiskus sieht dies anders.

Gewährt Ihnen ein Freund oder Verwandter oder auch ein fremder Dritter ein zinsloses oder verbilligtes Darlehen, so sind Sie durch den Zinsvorteil bereichert. Sie wurden mit einer freigebigen Zuwendung bedacht, die schenkungsteuerpflichtig ist, so der Fiskus und auch das Finanzgericht (FG) Münster (Urteil vom 29.03.2012 – 3 K 3819/10 Erb,EFG 2012 S. 772). Der Zinsvorteil ergibt sich dadurch, dass der Darlehensgeber sein hingegebenes Kapital nicht gewinnbringend anlegen konnte, da es es ja Ihnen zinslos bzw. niedrig verzinst überlassen wurde. Der Zinssatz wird nach dem Bewertungsgesetz fest mit 5,5% per anno angesetzt. Der Zinsvorteil wird über die Laufzeit des Darlehens abgezinst.

Ein Beispiel:
Sie erhalten von Ihrem Bruder oder Ihrer Schwester ein zinsloses Darlehen für 10 Jahre über
                                                                                                     200.000,00 EUR
Jährlicher Zinsvorteil (200.000,- x 5,5%)                                           11.000,00 EUR
11.000,00 EUR x Vervielfältiger 7,745 für 10 Jahre              85.195,00 EUR
(Anlage 9a BewG zu § 13)

Freibetrag (Bruder/ Schwester Steuerklasse II)                             - 20.000,00 EUR
Steuerpflichtiger Erwerb                                                            65.100,00 EUR
Schenkungsteuer (15%, Steuerklasse II)                                             9.765,00 EUR

Nun sagen Sie sich, das kann doch nicht sein: Der Zinssatz von 5,5% ist doch mit Geldanlagen derzeit am Markt gar nicht erzielbar. Das Bewertungsgesetz läßt grundsätzlich eine abweichende Bewertung gem. § 15 Abs. 1 BewG zu, genau dann, wenn ein anderer Wert feststellbar ist. Ein anderer Wert (Zins) wäre durch entsprechende Bankangebote nachweisbar. Diese wurden auch im genannten Finanzgerichtsprozess vorgelegt. Allerdings sei diese Regelung nicht einschlägig, so das FG Münster, es bleibt bei einem Zinssatz von 5,5%.

Das letzte Wort ist allerdings noch nicht gesprochen: Die Revision beim BFH ist anhängig (II R 25/12). Wünschenswert ist die Öffnung zu abweichenden Zinsfestsetzungen im Rahmen des § 15 Abs. 1 BewG.

Autorin: Marita Birke, Steuerberaterin
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